Das römische Marschlager

Das römische Marschlager bei Haus Neuland

von Dieter Kuhnert

Grafik des GeländescansIm Digitalen Geländemodell ist der Verlauf des Walls eindeutig erkennbar. Auf diese Weise entdeckte René Jansen Venneboer das Lager.
Grafik: Land NRW; LWL/B. Tremmel

Die Entdeckung dieses außergewöhnlichen Lagers gelang 2017 dem niederländischen Hobbyforscher René Jansen Venneboer. Dafür nutzte er ein spezielles Luftaufnahmeverfahren, die sogenannten LIDAR-Scans. Diese Laseraufnahmen bilden ein digitales Geländemodell ab, dabei werden Strukturen auf der Erdoberfläche sichtbar, die sonst durch Vegetation verdeckt werden. Die von ihm erkannten Linien hielt er aufgrund ihrer Form und Größe sowie in Verbindung mit den beiden Unterbrechungen, die er als Lagereingänge deutete, für den Wall eines Römerlagers.

Die von ihm informierte LWL Archäologie für Westfalen führte daraufhin in den Jahren 2018 und 2019 auf der Fläche systematische Untersuchungen durch, dabei fand man bei drei Ausgrabungsschnitten eine Wallstruktur mit einem vorgelagerten V-förmigen Spitzgraben.

Diese Form der Anlage mit Graben, Wall und Lagereingänge, ist, wie man sie aus vielen vergleichbaren Funden im gesamten römischen Weltreich kennt, typisch für ein Marschlager der römischen Armee.

 

Skizze der Graben-Wall-Anlage am Grabungsschnitt.Skizze der Graben-Wall-Anlage am Grabungsschnitt bei Haus Neuland.

Keine Armee der Antike hat das Prinzip, auf dem Marsch, bei Belagerungen und in Ruhezonen befestigte militärische Unterkünfte nach strengem, vorgegebenem  Schema zu errichten, so konsequent angewandt wie die Römer. Unter dem Begriff Marschlager versteht man kurzfristig gebaute Befestigungen, oft nur für eine Übernachtung. Sie wurden, zumindest beim Marsch durch feindliches Gebiet, täglich angelegt.

Römische Lager waren sorgfältig geplant. Eine Vorausabteilung, die einen Messtrupp einschloss, säuberte den gewählten Bauplatz von Bäumen und Buschwerk und steckte nach einem festen rechtwinkligen Planschema sowie nach genau der jeweiligen Truppenstärke angepassten Maßen einen Lagerplatz ab. Die ersten eintreffenden Einheiten begannen mit der Anlage von Wall und Graben. Ohne viel überlegen zu müssen, rückten dann die Soldaten nach dem ihnen wohl bekannten Schema in den Lagerplatz ein, errichteten ihre Zelte in immer der gleichen Anordnung an den immer gleichen Lagerstraßen. Die Fertigstellung des Lagers dürfte bei normalen Witterungs- und Bodenverhältnissen nachmittags abgeschlossen worden sein.

 

Wann entstand das Lager am Menkhauser Bach?

Entdecker René Jansen Venneboer mit den Frorschern des LWL am Grabungsschnitt.Entdecker René Jansen Venneboer mit den Frorschern des LWL am Grabungsschnitt: Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger, Kulturdezernentin des LWL, Prof. Dr. Michael Rind, Chefarchäologe des LWL, Dr. Bettina Tremmel, Provinzialrömische Archäologin und Dr. Sven Spiong, Leiter der Außenstelle Bielefeld der LWL-Archäologie für Westfalen.

In welchen zeitlichen Rahmen passt diese Anlage, bei welchen Unternehmungen wurde sie errichtet? Eine Festlegung auf den genauen Zeitrahmen und den Zweck für das Marschlager in Sennestadt ist spekulativ, zur Zeit fehlen noch die sicheren Hinweise, weitere Ergebnisse könnten Grabungen und Funde in naher Zukunft erbringen

Während der Germanenkriege (12 v.Chr. – 16 n.Chr.) stand zeitweilig etwa ein Drittel der gesamten Legionsstreitkräfte des imperium Romanum  am Rhein und im Inneren Germaniens. Im rechtsrheinischen, nördlichen Teil Germaniens bestanden nach heutigem Kenntnisstand als zeitweise dauerhaft belegte größere Standlager Oberaden (11-8 v.Chr., 56 ha), Haltern (um 5 v.Chr.- 9 n.Chr.,18 ha) und Anreppen (4-9 n.Chr., 23 ha), wobei über das Ende der beiden letztgenannten Lager auch heute noch diskutiert wird. Alle diese Lager liegen an der Lippe, sie wurden per Lastkahn von dem linksrheinischen Legionslager Vetera bei Xanten aus versorgt. Die  Transporte der Versorgungsgüter erfolgte in der Antike, wenn eben möglich, auf dem Wasserwege, da das erheblich kostengünstiger war als Transporte über Land durch Zugtiergespanne und Tragtiere.

Ein möglicher Grund für die Errichtung des Marschlagers in Sennestadt könnten die Tiberius-Feldzüge der Jahre 4 und 5 n. Chr. gewesen sein, die bis an die Elbe führten. Nach vorliegenden Quellen stellte er dafür ein Heer aus drei Legionen plus Hilfstruppen auf. Ob die Einheiten aus den linksrheinischen Legionslagern Xanten, Neuss, Köln oder Mainz herangeführt wurden oder bereits in rechtsrheinischen Lagern überwintert hatten ist nicht bekannt. Außer Haltern und Anreppen, die aus dieser Zeit datieren und jeweils Platz für max. eine Legion boten, sind bis heute keine weiteren Lager mit fester Innenbebauung gefunden worden. Eine Überwinterung der Truppen in Zelten war auch zur Zeit des Augustus nicht üblich, die Mannschaftsunterkünfte in den bisherigen Winterlagern bestanden aus sogenannten „hibernacula“, leicht gebauten Baracken aus Brettern, Stroh, etc.

 

Mit 25.000 Mann unterwegs

Eine römische Legion zu dieser Zeit hatte eine Sollstärke von ca. 6.400 Mann, ein nicht unbeträchtlicher Teil davon dürfte zur Sicherung und für notwendigen Arbeiten in den jeweiligen Standlagern verblieben sein.

Das Einsatzheer für diesen Feldzug hatte daher vielleicht eine Effektivstärke von 25.000 Mann, dazu 3.800 Pferde und 7.000 Tragtiere (Maultiere, Mulis), jedoch noch nicht eingerechnet die für einen evtl. beteiligten Verpflegungstross notwendigen Zugtiere, Wagen und Treiber. Jeder Legion zugeordnet waren Hilfstruppen (auxilia), jeweils eine Reitereinheit (500 oder 1.000 Reiter), drei Kohorten Fußsoldaten á 500 Mann.

Römischer Legionär mit Marschgepäck.Römischer Legionär mit Marschgepäck.

Je nach Wegeverhältnissen, Marschformation und Trossgröße konnte so ein Heerzug eine Länge von 15 km und mehr betragen. Der Verpflegungs- und Futterbedarf für so ein großes Heer war enorm, der Tagesbedarf (ohne Grünfutter für die Tiere) setzte sich folgendermaßen zusammen: für die Menschen 25 t Weizen u. 7,5 t Zusatzkost, 9,5 t Gerste für die Pferde und 14 t Gerste für die Maultiere. Die Gepäckbelastung auf dem Marsch war entsprechend hoch. Ein Legionär trug ca. 48 kg:  29 kg Kleidung, Waffen, Rüstung und bis zu 19 kg Marschgepäck. Ein Maultier konnte 135 – 150 kg tragen, darunter das Zelt mit Zubehör, eine Steinmühle, 16 Schanzpfähle, Werkzeuge u. Körbe, evtl. noch Verpflegung für jeweils eine Stuben- bzw. Zeltgemeinschaft (contubernium) von 8 Mann.

Dieser allein täglich benötigte Transportbedarf von 56 t gilt aber nur, wenn die Pferde und Mulis für ihren täglichen Bedarf von 28,5 t bzw. 32,5 t Grünfutter genug Zeit hatten und die Naturgegebenheiten diese Mengen boten. Erforderliche Speichergebäude zur Versorgung für ein Heer dieser Größenordnung gab es in unserer Gegend nur im nächstgelegenen Lager von Anreppen bei Delbrück mit einer Lagerkapazität von mind. 1.500 t. Von diesem Depot aus konnte die voraus marschierende Truppe durch Nachschubeinheiten per Zugtiergespanne und Tragtiere versorgt werden.

Das Marschlager in Sennestadt liegt ca. 23 km von Anreppen entfernt, das konnte eine römische Armee bei intakten Wegeverhältnissen durchaus an einem Marschtag schaffen. Die tägliche Marschleistung hing aber von vielen Unwägbarkeiten ab, deshalb konnten die Distanzen zwischen den Lagern variieren. Am Ende eines anstrengenden Marschtages benötigte man einen sicheren Platz zum Ausruhen und Übernachten, wenn eben möglich mit ausreichender Wasserversorgung für Mensch und Tier. Der ganzjährig wasserführende Menkhauser Bach bot hierfür die hervorragende Voraussetzung, ebenso die steile Böschung des Westufers als natürliche Verteidigungsanlage.

Eine mögliche Marschroute weiter nordwärts könnte über das ebenfalls bekannte Lager bei Barkhausen in Richtung auf das vor Kurzem aufgefundene Marschlager bei Wilkenburg/Hannover geführt haben. Dafür müssten noch drei weitere, bisher nicht gefundene Marschlager auf dieser Strecke erforderlich gewesen sein.

Text:

Dieter Kuhnert
Arge Altertum u. Frühmittelalter
Historischer Verein der Grafschaft Ravensberg

Quellen:

Marcus Junkelmann, Die Legionen des Augustus
Peter Kehne, Bodenaltertümer Westfalens, Nr. 45
Bettina Tremmel, dto.