Rechtsextremismus und Rechtspopulismus in Deutschland

 

Die Zahl der Anschläge auf Flüchtlingsheime ist rasant angestiegen, Pegida hat unzählige Anhänger gewonnen und die AfD die besten Wahlergebnisse in ihrer Parteigeschichte erzielt. Diese Entwicklungen geben Anlass zur Sorge. Aber was tun? Experten der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus im Regierungsbezirk Detmold haben Anfang Juni im Seminar "Rechtsextremismus und Rechtspopulismus in Deutschland – Was tun?" Antworten gegeben. Einige Ansätze erläutern Katharina Vorderbrügge und Frederic Clasmeier im Interview.



Katharina Vorderbrügge und Frederic Clasmeier von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus im Regierungsbezirk Detmold
Katharina Vorderbrügge und Frederic Clasmeier

Wo fängt Rechtsextremismus an?

Frederic Clasmeier: „Es gibt unterschiedlichste Definitionen des Rechtsextremismus. Die sozialwissenschaftliche Definition beinhaltet verschiedene Formen von Ausgrenzung und Ungleichbehandlung. Zu geschlossenen Formen eines extrem rechten Weltbildes gehören unter anderem Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus, Sexismus, die Ablehnung von sozial Schwachen, die Ablehnung der Demokratie und die Verherrlichung des Nationalsozialismus. Diese Einstellungen findet man aber nicht nur bei extrem rechten Personen, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft.“

AfD, Pegida, Anschläge auf Flüchtlingsheime und mehr: Wie ordnen Sie die Entwicklung des Rechtsextremismus vor dem Hintergrund dieser aktuellen Phänomene ein?

Katharina Vorderbrügge: „Im Moment geht die Entwicklung dahin, dass Rechtsextremismus salonfähig wird. Die häufige Berichterstattung in den Medien, zum Beispiel über die zahlreichen Anschläge auf Flüchtlingsheime, führen zu einem Phänomen der Abstumpfung. Die Hemmschwelle sinkt – das beobachten wir mit großer Sorge.“

Frederic Clasmeier: „Einen rassistischen Teil in der Gesellschaft gab es ohnehin schon. Aber mit Pegida und AfD hat sich dieser Teil formiert und organisiert, und das schlägt sich in Wahlergebnissen nieder. Die AfD wird in der Öffentlichkeit oft als Partei wahrgenommen, die vor allem rassistische Hetze gegen Geflüchtete betreibt, doch auch in Fragen von Familien und Geschlechterbildern oder der Forderung nach härteren Straffen im Jugendstrafrecht vertritt die Partei klar rechte Positionen. Dies sind Themen, die viele Menschen beschäftigen, und so kann die AfD zu einem Ventil werden.“

Wo sind Rechtsextremisten beziehungsweise Rechtspopulisten hauptsächlich aktiv? Auf welchen Wegen verschaffen sie sich heutzutage Gehör?

Frederic Clasmeier: „Wichtige Publikationswege sind das Internet – via Facebook, Blogs und Youtube –, und extrem rechte Presse, die man in jedem Bahnhofskiosk findet, aber auch Veranstaltungen und Bürgerversammlungen. Auch in der Kindererziehung, in Kameradschaften und Parteien ist die extreme Rechte aktiv – also in fast allen gesellschaftlichen Erscheinungsformen, die man sich vorstellen kann.“

Wie können Bürger rechte Propaganda erkennen?

Katharina Vorderbrügge: „Rechte Propaganda fällt unter anderem durch einfache Positionen zu komplexen Themen auf, durch plakative Antworten die Lösungen versprechen. Vor ein paar Jahren wurde im Netz zum Beispiel die ‚Todesstrafe für Kinderschänder‘ gefordert. Das war extrem rechte Sprache und extrem rechte Propaganda. In letzter Zeit wurde die Forderung ‚Grenzen schließen‘ laut. Auch das ist ein Beispiel für eine plakative Antwort auf ein komplexes Problem. Dennoch ist es schwierig, rechte Einstellungen zu erkennen, denn sie sind meist nicht so offensichtlich, wie Symbole oder Codes der extremen Rechten es sind.“

Der Seminartitel legt die Frage nahe: Was kann man heutzutage gegen Rechtsextremismus tun?

Frederic Clasmeier: „Man muss sich selbst positionieren, um etwas gegen Rechtsextremismus tun zu können. Das fängt im Kleinen an: Wenn man etwa im Bekannten- oder Kollegenkreis rechte Tendenzen erkennt, kann man es ansprechen und sich so den Ideologieelementen entgegenstellen. Außerdem kann man Aufklärung und Bildungsarbeit leisten, zum Beispiel in Sportvereinen gegen Rassismus kämpfen oder Gegenpositionen bei rechten Demos und Veranstaltungen kundtun. Aber vor allem ist es immer wichtig, sich Unterstützung zu holen.“

Das Interview führte Christina Ritzau, Öffentlichkeitsreferentin im Haus Neuland.