Die Entdeckung der Germanen

Historiker Frank Huismann
Der Historiker Frank Huismann leitet das Seminar.

Interview mit dem Referenten Frank Huismann

Die Externsteine in Horn-Bad Meinberg, die Stadt Enger als vermutlicher Wirkungsort des Sachsenherzogs Widukind und das Freilichtmuseum in Detmold – es gibt so einige Orte in Ostwestfalen-Lippe, die eng mit der Geschichte der Germanen verbunden sind. In unserem Seminar "Die Entdeckung der Germanen – Ideologie und Politik im 19. und 20. Jahrhundert" (Mi. 14.09.2016 – Sa. 17.09.2016) erkunden die Teilnehmer diese historisch relevanten Orte und gehen auf Entdeckungsreise. Über die Germanenideologie, politische Mythen und Sagen, die in die rechtsradikale Szene hineinwirken, hat Haus-Neuland-Praktikant Simon Hölscher vorab mit dem Referenten Frank Huismann gesprochen.

 

Der Name Widukind taucht in Ostwestfalen-Lippe immer wieder auf, und der Landkreis Lippe nennt sich selbst „Land des Herrmann“. Wie ist diese besondere Präsenz der „alten Germanen“ zu erklären?

Frank Huismann: Die Germanen sind als Thema hier in der Region immer noch oder wieder sehr aktuell. Seit dem späten 19. bzw. frühen 20 Jahrhundert hat man im heutigen Ostwestfalen-Lippe das Kernland der germanischen Geschichte vermutet. Begründet war das dadurch, dass man glaubte, die Varusschlacht habe hier stattgefunden, und durch Phantasien über besondere kultische Handlungen an den Externsteinen.

„Die Germanen“ – das ist ein sehr weiter Begriff. Wen hat man sich darunter vorzustellen. Überspitzt gefragt: Sind die Germanen „unsere Vorfahren“, die „ersten Deutschen“?

Frank Huismann: Die ersten wesentlichen Hinweise stammen aus antiken Quellen. Aus diesen lässt sich allerdings lediglich ersehen, dass mit dieser Bezeichnung Völkerschaften oder Menschen belegt werden, die zwischen Rhein und Elbe, manchmal sogar zwischen Rhein und Weichsel, im heutigen Polen, lebten. Aus heutiger Sicht ergibt sich das Bild einer in Kultur und Herkunft gemischten Bevölkerung,  die schlicht in einem bestimmten Raum anzutreffen war. Es ist also sehr problematisch, hier von Vorfahren der Deutschen zu sprechen.

Nichtsdestotrotz sind die Germanen im Verlauf der Rezeptionsgeschichte immer wieder als Vorfahren bezeichnet worden. Wie hat sich die Wahrnehmung im Lauf der Zeit gewandelt?

Frank Huismann: Interessant ist, dass im Zeitraum zwischen Spätantike und früher Neuzeit die Germanen eigentlich gar kein Thema sind. Das ändert sich dann im 19. Jh. unter den Vorzeichen des sich entwickelnden Nationalismus. Damals hat man damit begonnen jene Germanen, die man aus den antiken Quellen kannte, zu Vorfahren zu stilisieren. So kam es, dass man das Thema Germanen im 19. Jahrhundert quasi neu erfunden hat. Es wurde dann sehr schnell zum zentralen Thema der Geschichtsbetrachtung in Deutschland und ist massiv ideologisch aufgeladen worden. Diese ideologische Aufladung findet ihre Spitze im Nationalsozialismus. Verständlicherweise versucht man nach 1945, diese Aufladung zunächst kenntlich zu machen und im Anschluss das Thema wieder der sachlichen Forschung  nahe zu bringen.

Wie könnten die Germanen so erfolgreich für die nationalistische, später nationalsozialistische Propaganda eingesetzt werden? In den antiken Quellen kommen sie ja nicht besonders gut weg.

Frank Huismann: Durch die ideologische Überhöhung ist  es zu einer sehr einseitigen Auswertung der Quellen gekommen. Als Beispiel: Wenn Tacitus schreibt: die Germanen seien „kampfkräftig“, dann wird dies von den damaligen Historikern zu einer allgemeinen deutschen Eigenschaft erhoben. Die zahlreichen negativen Eigenschaften, welche in diesen Berichten auftauchen, wurden sofort relativiert. Am Ende blieben nur die im Kontext der Zeit positiven Eigenschaften übrig.

Sie haben angedeutet, dass die Mythologisierung der Germanen seit dem Ende des NS, in der Wissenschaft keine Rolle mehr spielt. Dies gilt allerdings nicht unbedingt auch für das gesellschaftliche Bild der Germanen. Wo findet sich der Germanenmythos denn heute noch?

Frank Huismann: Man findet ihn in erstaunlich vielen Bereichen. Er ist grade in den letzten Jahren wieder präsenter geworden. In Filmen und Serien zum Beispiel. In Internet-Foren, die sich mit Geschichte auseinandersetzen. Und darüber hinaus ist der Mythos immer noch als Aufmacher auch in seriösen Zeitschriften beliebt. Außerdem spielt das Thema in verschiedenen jugendlichen Subkulturen eine Rolle: sowohl in der Esoterik als auch in Gothic- oder Metal-Szene, bis hin zu tatsächlich rechtsradikalen Jugendszenen.  Dort wird das Thema beispielsweise in Liedern verarbeitet. Oft spielt auch die szenische Darstellung der Germanen eine Rolle, so z.B. in der „Living History“-Szene. Dadurch entsteht eine Erlebniswelt, die grade für Jugendliche sehr attraktiv ist.

Wie kann man diese Mythen enttarnen?

Frank Huismann: Zunächst sollte man wissen, wo man sich informieren kann. Dann bekommt man ein Gespür dafür, wie hier Geschichte instrumentalisiert wird. So werden von Rechtsradikalen gerne Symbole aus der germanischen Mythologie aufgegriffen und getragen. Es gibt eine ganze Reihe, und die Swastika (das Hakenkreuz) ist nur eines davon. Außerdem werden historische Ereignisse früherer Jahrhunderte als Argumentationshilfe für heutige Ideologien missbraucht. Wer eine Antenne für diese Taktiken entwickelt, ist sicherlich weniger schnell verführbar und wird auch nicht unbemerkt in die entsprechenden Fallen tappen.

Mit der Aussicht, im kommenden Seminar noch mehr erfahren zu können bzw. die Antennen noch feiner justieren zu können, bedanken wir uns für dieses Gespräch!